Berliner Bündnis für Familie

Elternbefragung – Wie familienfreundlich ist Berlin?

Die Elternbefragung erfolgte im Auftrag des Berliner Bündnis für Familie und wurde gefördert durch die Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin. Durchgeführt wurde sie im Sommer 2006 vom Berlin-Brandenburg Institut für Sozialforschung und sozialwissenschaftliche Praxis e.V. (BIS) unter Berliner Eltern.

Ergebnisse der Berliner Elternbefragung 2006

Die Schwierigkeiten, denen Familien mit Kindern gegenüberstehen, sind keine Berlin spezifischen Probleme. Seit langem ist bekannt und wird in Öffentlichkeit, Wissenschaft und Politik diskutiert, dass in unserer Gesellschaft ein Leben mit Kindern vielfältige Risiken mit sich bringen kann, wie z.B. Benachteiligungen im Beruf und erhöhtes Armutsrisiko. Unsere Gesellschaft ist keine familien- oder kinderfreundliche Gesellschaft.

Die Bedingungen für Familien scheinen in Deutschland jedoch recht unterschiedlich zu sein, wie der Familienatlas (2005) und jüngste Ergebnisse der Unicef Studie (2007) belegen. Die Kinderlosigkeit in Berlin ist hoch. Berlin liegt im Städtevergleich bei den Geburten hinter Köln, Hamburg und München. Der Anteil der Familien mit Kindern unter 18 Jahren liegt in Berlin bei weniger als einem Fünftel der Haushalte. Die zentrale Frage ist deshalb, was kann und muss die Hauptstadt tun, um familienfreundlicher zu werden und junge Menschen zur Gründung einer Familie zu ermutigen. Das Problem der Berliner Kinderlosigkeit hat viele Facetten, das wir in drei Schritten versucht haben zu analysieren.

Zur Bestimmung des Ist-Zustandes haben wir öffentliche Statistiken sowie die Ergebnisse von Repräsentativuntersuchungen herangezogen. Durch eine Befragung von Berliner Eltern wurden zum ersten Mal die Einstellungen und Erfahrungen zur Lebenssituation von Familien erhoben. Und in mehreren Workshops haben Eltern ihre Erfahrungen mit besonders familienfreundlichen Gegebenheiten bis hin zu besonders misslungenen Beispielen diskutiert und viele Vorschläge zur Verbesserung erarbeitet.

In den Statistiken zur Situation von Familien mit Kindern spiegelt sich dass bekannte Bild Berlins als einer armen Stadt mit hohem Ausländeranteil wider. Im Bundesvergleich wachsen berdurchschnittlich viele Berliner Kinder unter Armutsbedingungen auf sowie in Elternhäusern, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Knapp 16 Prozent aller Berliner leben in relativer Armut (der Bundesdurchschnitt liegt bei 11 Prozent) und der Anteil der Haushalte mit Kindern, in denen niemand einer Erwerbstätigkeit nachgeht, liegt mit knapp 16 Prozent ebenfalls deutlich über dem Bundesdurchschnitt von neun Prozent. Große Differenzen gibt es zwischen einzelnen Berliner Bezirken. Vor allem in den Bezirken mit hohem Ausländeranteil werden schlechtere Werte bezüglich Gesundheitszustand und Sprachkompetenz gemessen, was auf die nach wie vor vorhandenen schlechteren Lebensbedingungen von MigrantInnen hinweist.

Zentrales Ergebnis der Elternbefragungen und der Workshops ist, dass die Mehrheit der Berliner Eltern ihre Stadt für wenig familienfreundlich hält. So gibt es nach Aussagen der Eltern in Berlin zwar eine beträchtliche Anzahl von Positiva, wie das verglichen mit anderen Städten große Angebot an Kitas, das gute öffentliche Nahverkehrssystem, das breite auch für Kinder interessante Freizeit- und Kulturangebot sowie die vielen Grünflächen und Spielplätze. In den Einschätzungen überwiegen jedoch die Probleme. Diese liegen oft weniger in der Quantität der Angebote als vielmehr in der Qualität. So wird z.B. die Zahl der Kitaplätze von der Hälfte der befragten Eltern als ausreichend eingeschätzt, massive Kritik gibt es jedoch an unflexiblen Betreuungszeiten, die nicht mit den Arbeitszeiten übereinstimmen. Qualitätsprobleme gibt es auch beim öffentlichen Nahverkehr. Während das quantitative Angebot als gut angesehen wird, werden viele Probleme im Detail genannt, insbesondere von Eltern mit Kinderwagen.

Besonders positiv werden die Freizeit- und Kulturangebote bewertet. Die Angebote von Kinos, Museen und Bibliotheken und Sporteinrichtungen werden gelobt. Dennoch können viele Familien sich Besuche im Theater, Zoo und Tierpark oder Kunstausstellungen oft nicht leisten. Bei all der Vielfalt der Angebote fühlen die Berliner Eltern sich nicht ausreichend informiert. Wenn sie tatsächlich Angebote, Hilfen und Unterstützung suchen, wissen sie oft nicht, wo sie nachfragen oder nachschauen könnten. Ein Projekt des Berliner Bündnisses für Familien, das dieses Informationsdefizit verbessern wird, ist „Der Berliner Familienatlas“, ein Internetportal, das familienfreundliche Angebote bezirksspezifisch bereitstellt.

Was die Angebote für die Ausbildung von Jugendlichen betrifft, spiegelt sich in den Antworten der Befragten sicherlich nicht nur die Berliner Situation wider, sondern die deutsche insgesamt, die durch mangelnde Ausbildungsplätze gekennzeichnet ist. So werden die Ausbildungsplätze für Jugendliche und die Stellenangebote für Berufsanfänger als sehr unzureichend eingeschätzt. Die Studienmöglichkeiten werden demgegenüber – obwohl auch keineswegs nur positiv – deutlich besser eingeschätzt. Auch die Wirtschaft schneidet wegen der wenig ausgeprägten Familienfreundlichkeit der Betriebe in der Bewertung der Eltern schlecht ab. Viele der Befragten vermissen Betriebskindergärten und flexiblere Arbeitszeiten insbesondere bei familiären Notfällen. Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht bei einer Gewichtung der Gründe für die relativ hohe Kinderlosigkeit der Berliner zusammen mit ökonomischen Gründen an erster Stelle und Berlin spezifische Gründe nehmen den zweiten Platz ein. Damit liegen Berlin spezifische Gründe noch vor den individuellen Gründe, die in früheren Zeiten als Hauptgründe für Kinderlosigkeit eingeschätzt wurden (Kinder schränken zu sehr ein, bedeuten zuviel Verantwortung, bedeuten Abhängigkeit vom Partner usw.).

Dieser Befund ist ein klarer Auftrag an alle, die an der Situation der Berliner Familien etwas verbessern wollen. Es sind nicht individuelle, egoistische Gründe, die zu weniger Kindern führen, sondern vielfältige Probleme, die eine sichere Lebensplanung mit Kindern beeinträchtigen. Dies fordert zu verstärkten Anstrengungen auf. Anregungen für Verbesserungen finden sich in diesem Bericht viele.

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